Eigener Server statt Cloud: Was das wirklich kostet
Diese Webseite, meine eigenen Anwendungen, das Monitoring, die Backups: Alles, was ich für mich selbst betreibe, läuft auf einem gemieteten dedizierten Server bei einem deutschen Anbieter. Acht Kerne, zwei große Festplatten im Spiegel, eine feste Monatsmiete. Keine Cloud im Sinne von AWS, Azure oder Google. Die Anwendungen meiner Kunden laufen dagegen auf Servern, deren Verträge ihnen gehören, aus Gründen, die im Beitrag über den Ausfall der Entwicklerin stehen. Wenn ich von meinem Server erzähle, bekomme ich zwei Reaktionen. Die eine: „Das ist doch 2026 nicht mehr zeitgemäß." Die andere, meist von Leuten, die gerade ihre Cloud-Rechnung gesehen haben: „Wie viel sparst du damit?"
Beide Reaktionen gehen am Punkt vorbei. Der eigene Server ist weder altmodisch noch ein Geheimtrick zum Sparen. Er ist eine Rechnung mit zwei Seiten, und die meisten Vergleiche zeigen nur eine davon. Dieser Beitrag zeigt beide. Mit Zahlen, die ich für meinen eigenen Betrieb kenne, mit Listenpreisen, die ich für diesen Beitrag nachgeschlagen habe, und mit den Fällen, in denen die Cloud trotzdem die richtige Antwort ist. Und er zeigt, dass die eigentliche Frage nicht lautet, ob die Maschine bei Hetzner oder bei AWS steht. Sie lautet, wer sie betreibt: Sie selbst, oder der Anbieter für Sie.
TL;DR - Die Kurzfassung
- Ein dedizierter Server mit acht Kernen und 64 Gigabyte kostet bei deutschen Anbietern mit Standorten in Deutschland und Finnland im Herbst 2026 rund 90 bis 140 Euro netto im Monat. Eine vergleichbare Maschine bei einem der großen Cloud-Anbieter, rund um die Uhr gebucht, liegt mit Speicher und Datenverkehr grob beim Fünf- bis Sechsfachen.
- Die eigentliche Achse ist nicht Blech gegen Cloud, sondern Selbstbetrieb gegen verwalteten Betrieb. Eine Cloud-Maschine, die Sie selbst verwalten, ist Selbstbetrieb zu höherer Miete.
- Diese Differenz ist aber kein Gewinn. Sie bezahlt die Arbeit, die beim eigenen Server jemand tun muss: Updates, Backups, Monitoring, Härtung, Reaktion auf Störungen. Realistisch sind das drei bis sechs Stunden im Monat für einen gut eingerichteten Server. Eine selbst verwaltete Cloud-Maschine braucht dieselbe Arbeit.
- Rechnet man die Arbeit zum Satz einer Fachkraft dazu, schrumpft der Abstand für eine typische Geschäftsanwendung auf grob das Doppelte. Der eigene Server bleibt günstiger, aber die Infrastruktur ist der kleine Posten, die Pflege der große.
- Die Cloud gewinnt, wenn die Last stark schwankt, wenn Sie Dienste brauchen, die man nicht selbst betreiben will (verwaltete Datenbanken, replizierter Objektspeicher, Warteschlangen in großem Maßstab), oder wenn niemand da ist, der den Server pflegt.
- Am teuersten wird es, wenn man Cloud-Miete zahlt und trotzdem selbst betreibt: eine große virtuelle Maschine, die rund um die Uhr läuft, mit angehängtem Speicher und laufendem Datenverkehr. Das ist der Fall, in dem Rechnungen explodieren.
Die Rechnung, die man gewöhnlich sieht
Fangen wir mit der Seite an, die jeder kennt: der Miete. Alle Preise in diesem Beitrag sind Nettopreise ohne Mehrwertsteuer, so wie ein Betrieb sie kalkuliert. Ich nehme als Maßstab einen Server, wie er für eine mittelgroße Geschäftsanwendung mit ein paar hundert Nutzern, einer Datenbank im zweistelligen Gigabyte-Bereich und einigen Terabyte Dokumenten gut passt. Acht physische Kerne, also 16 Threads, 64 Gigabyte RAM, zwei Platten mit je mehreren Terabyte im RAID-1, Datenverkehr am Gigabit-Anschluss inklusive.
Bei den deutschen Anbietern dedizierter Server, deren Rechenzentren in Deutschland und Finnland stehen, kostet so eine Maschine im Herbst 2026 in der Größenordnung von 90 bis 140 Euro im Monat, dazu eine Einrichtungsgebühr in Höhe einer halben Monatsmiete. Zur Einordnung: Die Grundausstattung mit acht Kernen, 64 Gigabyte und zwei kleinen NVMe-Platten steht bei Hetzner seit der Preiserhöhung vom 15. Juni 2026 mit rund 97 Euro in der Liste, große Platten kosten Aufpreis, Restposten älterer Hardware gibt es günstiger. Die Preise sind in diesem Jahr zweimal gestiegen, Bestandsverträge laufen zu alten Konditionen weiter, und sie ändern sich, deshalb nenne ich die Spanne und nicht den Cent. Alles, was Sie darauf laufen lassen, ist in diesem Preis enthalten: so viele Datenbanken, Anwendungen und Dienste, wie die Maschine trägt.
Nun dieselbe Leistung bei einem der großen Cloud-Anbieter. Ich rechne mit einem konkreten Beispiel, damit die Zahlen nachprüfbar sind: AWS in der Region Frankfurt, Listenpreise ohne Laufzeitbindung im Oktober 2026, umgerechnet mit rund 1,15 Dollar je Euro. Dabei gilt: Meine acht Kerne sind physische Kerne mit 16 Threads. Eine Cloud-vCPU ist in der Regel ein Thread. Wer dieselbe Rechenleistung will, braucht also eher 16 vCPUs als acht. Eine Maschine mit acht vCPUs und 64 Gigabyte kostet rund um die Uhr gebucht etwa 400 Euro im Monat, eine mit 16 vCPUs und 64 Gigabyte etwa 600 Euro. Dazu kommt der Speicher: Blockspeicher wird pro Gigabyte und Monat abgerechnet. Zwei Terabyte kosten in der üblichen SSD-Klasse rund 170 Euro, in der HDD-Klasse, die meinen gespiegelten Festplatten näher kommt, rund 100 Euro. Dazu kommt der Datenverkehr nach draußen. Er wird bei den großen Clouds separat bepreist, nach einem Freikontingent von 100 Gigabyte im Monat und mit Regeln, die je nach Dienst verschieden sind. Für eine Anwendung, die Dokumente ausliefert und Backups nach außen schiebt, sind einige hundert Gigabyte bis ein Terabyte realistisch, also 30 bis 70 Euro.
| Posten (monatlich, Größenordnung Herbst 2026) | Dedizierter Server, selbst betrieben | Cloud-Maschine, selbst betrieben |
|---|---|---|
| Rechenleistung 8 Kerne / 16 Threads, 64 GB | im Mietpreis | 400 bis 600 Euro (8 bis 16 vCPU) |
| Speicher 2 TB (gespiegelt bzw. redundant) | im Mietpreis | 100 bis 170 Euro (HDD- bis SSD-Klasse) |
| Datenverkehr nach außen, 500 GB bis 1 TB | im Mietpreis | 30 bis 70 Euro |
| Summe Infrastruktur | 90 bis 140 Euro | 530 bis 840 Euro |
Zwei Einwände kommen an dieser Stelle verlässlich, und beide sind berechtigt. Erstens: Mit Laufzeitbindung über ein bis drei Jahre, bei AWS Reserved Instances oder Savings Plans genannt, sinkt der Preis für die Rechenleistung um grob 30 bis 50 Prozent. Dann steht in der rechten Spalte eher 350 bis 650 Euro, und der Abstand zum dedizierten Server beträgt statt dem Fünf- bis Sechsfachen rund das Vierfache. Zweitens: Die Zahlen gelten für dieses eine Setup. Eine andere Instanzfamilie, eine andere Region, ein anderer Speichertyp, und die Rechnung sieht anders aus. Beides ändert nichts an der Richtung, nur am Faktor.
Das ist die Rechnung, die in Blogbeiträgen mit Titeln wie „Wir haben die Cloud verlassen und sparen 80 Prozent" steht. Sie ist nicht falsch. Sie ist nur die halbe Rechnung, und wer sie allein liest, trifft eine schlechte Entscheidung in die eine oder andere Richtung.
Die Seite, die man nicht sieht: die Arbeit
Ein dedizierter Server kommt als nacktes Betriebssystem. Alles, was ihn zu einer sicheren, überwachten, gesicherten Umgebung macht, muss jemand tun. Und zwar nicht einmal, sondern immer wieder. Ich betreibe meinen seit vielen Jahren und betreue einen zweiten, deshalb kann ich sagen, woraus die Arbeit besteht:
Einmalig: Einrichtung und Härtung
Betriebssystem installieren, Platten als RAID einrichten, Firewall, SSH absichern, Webserver, Datenbank, PHP, Mailversand, Zertifikate, automatische Updates, Backup-Strategie, Monitoring, Rootkit-Scanner, Logauswertung. Das habe ich im Beitrag zum Debian-Server-Setup ausführlich beschrieben. Wer das zum ersten Mal macht, braucht zwei bis drei Tage. Wer es routiniert macht, einen. Das ist eine einmalige Investition in der Größenordnung von 1.000 bis 2.500 Euro an Arbeitszeit, je nachdem, wer sie leistet.
Laufend: die Pflege
Danach kommt der Teil, der in keiner Preisliste steht. Aus meinen eigenen Aufzeichnungen für einen gut eingerichteten Server:
- Updates einspielen und prüfen. Sicherheitsupdates laufen automatisch, aber jemand muss hinsehen, ob danach alles läuft, und gelegentlich Dienste neu starten, damit sie die neuen Bibliotheken auch benutzen. Ich habe selbst erlebt, dass Dienste nach einem Update einer Systembibliothek noch mit der alten Version im Speicher liefen, weil das Update eingespielt, aber nichts neu gestartet worden war. Das ist inzwischen automatisiert, aber jemand musste es bemerken.
- Backups und Restore-Tests. Das Backup selbst läuft von allein. Die Prüfung, ob es zurückgespielt werden kann, nicht. Dazu gibt es einen eigenen Beitrag.
- Monitoring lesen. Jeden Morgen ein Blick auf den Tagesbericht, wie im Beitrag über Alerts im Chat beschrieben. Zwei Minuten, wenn alles grün ist. Eine Stunde, wenn nicht.
- Störungen. Eine Festplatte meldet Fehler. Ein Zertifikat erneuert sich nicht. Ein Scanner meldet etwas, das sich nach einer Stunde als Fehlalarm herausstellt. Das passiert nicht jede Woche, aber es passiert, und es passiert zu Zeiten, die man nicht aussucht.
- Große Wartung. Alle zwei bis drei Jahre ein Versionssprung des Betriebssystems, der einen halben Tag kostet und bei dem Dinge brechen, mit denen man nicht gerechnet hat.
In Summe sind das bei mir drei bis sechs Stunden im Monat für einen Server, der sauber eingerichtet ist und auf dem nicht ständig Neues passiert. In Monaten mit Störung oder Versionssprung mehr. Zum Stundensatz einer Fachkraft, ob angestellt oder extern, sind das 300 bis 700 Euro im Monat.
Und hier kommt der Punkt, den die Cloud-Seite gern überspringt: Eine selbst verwaltete virtuelle Maschine in der Cloud braucht dieselbe Arbeit. Dieselben Updates, dasselbe Monitoring, dieselbe Härtung, dieselben Restore-Tests. Was wegfällt, ist die Hardware-Ebene (Festplatten, RAID, Netzteil), und das ist weniger Arbeit, als man denkt, weil gute Hoster defekte Platten innerhalb von Stunden tauschen. Was dazukommt, ist die Pflege der Cloud-Konfiguration selbst: Berechtigungen, Netzwerkregeln, Kostenkontrolle. Ich setze die Pflege deshalb in beiden Spalten gleich an. Spürbar weniger wird sie erst, wenn man verwaltete Dienste einkauft, also eine Datenbank, die der Anbieter betreibt, statt einer, die auf der eigenen Maschine läuft. Dazu später mehr.
| Posten (monatlich, meine Modellrechnung) | Dedizierter Server, selbst betrieben | Cloud-Maschine, selbst betrieben |
|---|---|---|
| Infrastruktur | 90 bis 140 Euro | 530 bis 840 Euro |
| Pflege und Betrieb | 300 bis 700 Euro | 300 bis 700 Euro |
| Einrichtung, auf 36 Monate verteilt | 30 bis 70 Euro | 30 bis 70 Euro |
| Summe | 420 bis 910 Euro | 860 bis 1.610 Euro |
Der eigene Server bleibt günstiger, aber die Differenz ist nicht mehr das Fünf- bis Sechsfache, sondern grob das Doppelte. Das ist immer noch relevant. Es ist nur kein Grund mehr für Triumphgeheul. Und es zeigt, wo das Geld wirklich sitzt.
Damit verschiebt sich die Frage. Beide Spalten der Tabelle sind Selbstbetrieb, nur zu verschiedener Miete. Die echte Alternative steht nicht in der Tabelle: der verwaltete Betrieb, bei dem der Anbieter Betriebssystem, Updates, Backups und Datenbank übernimmt und Sie nur noch die Anwendung verantworten. Dort steigt die Miete noch einmal, dafür schrumpft die Pflegezeile auf das, was an der Anwendung selbst anfällt. Wie weit sie schrumpft und was die Miete dann kostet, hängt so stark von den Diensten ab, dass ich keine Spanne hinschreibe, die ich nicht belegen kann. Ein einzelner Anker für das Gefühl: Eine kleine verwaltete PostgreSQL-Datenbank mit zwei vCPUs, acht Gigabyte und automatischem Failover in eine zweite Zone kostet bei AWS in Frankfurt rund 0,40 Dollar die Stunde, also etwa 250 Euro im Monat vor Speicher und Backups. Das ist mehr als mein ganzer Server. Dafür entfallen Installation, Updates, Replikation, Failover-Tests und die Nacht, in der die Datenbank nicht hochkommt. Ob das den Preis wert ist, entscheidet nicht die Tabelle, sondern die Frage, wer diese Nacht sonst übernimmt.
Die Infrastruktur ist beim eigenen Server der kleine Posten. Der große ist die Person, die ihn pflegt. Wer diese Person nicht hat, hat auch den Server nicht, egal was die Rechnung sagt.
Was in keiner Tabelle steht: das Risiko
Es gibt eine dritte Spalte, die sich nicht in Euro ausdrücken lässt und trotzdem die Entscheidung bestimmt. Beim eigenen Server tragen Sie das Risiko der Hardware und des Betriebs. Wenn die Maschine stirbt, ist die Anwendung weg, bis das Backup auf einer neuen Maschine läuft. Wie lange das dauert, hängt von drei Dingen ab: Wann die Ersatzmaschine da ist, beim Hoster je nach Lagerbestand Minuten bis Tage. Wie lange Dienste und Datenbanken brauchen, bis sie wieder laufen, bei mir nach dem letzten Restore-Test etwa vier Stunden, gerechnet ab einer bereitstehenden Maschine. Und wie viele Daten zurückkopiert werden müssen: Bei mehreren Terabyte Dokumenten sind über eine Gigabit-Leitung rechnerisch mindestens zwei Stunden pro Terabyte fällig, bevor man an die Praxis denkt. Ein halber bis ein ganzer Tag Stillstand ist für die meisten Geschäftsanwendungen tragbar. Für eine, bei der ein Tag Ausfall sechsstellige Beträge kostet, ist es das nicht, und dann braucht es einen zweiten Server im Standby, der die Infrastrukturkosten verdoppelt und die Pflege um die Hälfte erhöht.
Die Cloud hat hier einen echten Vorteil, auch ohne große Architektur: Eine virtuelle Maschine mit Netzwerkspeicher startet bei einem Defekt des darunterliegenden Rechners in der Regel automatisch auf anderer Hardware neu, in Minuten und ohne Restore. Was die Cloud darüber hinaus verkauft, redundante Speicher, Maschinen in mehreren Zonen, automatisches Umschalten, stimmt ebenfalls, aber nur, wenn man es auch so baut und bezahlt. Eine einzelne virtuelle Maschine in einer Zone ist nicht hochverfügbar. Die Hochverfügbarkeit ist kein Merkmal der Cloud, sondern eine Architektur, die man in der Cloud leichter bauen kann als auf einem Server. Leichter, nicht kostenlos.
Und es gibt das umgekehrte Risiko, das unterschätzt wird: die Kostenüberraschung. Ein Server kostet jeden Monat ungefähr dasselbe. Eine Cloud-Rechnung hängt von Dingen ab, die man nicht alle im Blick hat. Ein Backup-Job, der jede Nacht zwei Terabyte in eine andere Region kopiert. Ein Fehler in der Anwendung, der eine Schleife von API-Aufrufen erzeugt. Ein Angriff, der Datenverkehr erzeugt, den Sie bezahlen. Ich habe Rechnungen gesehen, die in einem Monat das Zehnfache des Vormonats betrugen, und die Ursache war jedes Mal ein Detail, das niemand böswillig eingebaut hatte. Beim eigenen Server gibt es Mehrkosten auch, zusätzliche Platten, Backup-Speicher, weitere IP-Adressen, Datenverkehr jenseits der Inklusivmenge. Aber sie sind begrenzt und vorhersehbar, und niemand bestellt sie versehentlich durch eine Schleife im Code.
Die Frage vor der Rechnung: der Rechtsraum
Für viele Betriebe im deutschen Mittelstand ist nicht der Preis die erste Frage, sondern der Anbieter. Die großen Clouds sind US-Unternehmen, und US-Recht, Stichwort CLOUD Act, kann sie zur Herausgabe von Daten verpflichten, auch wenn die Daten in einer Region in Frankfurt liegen. Ob und wie das für Ihre Daten relevant ist, hängt davon ab, was Sie speichern, wer Ihre Kunden sind und was Ihr Datenschutzbeauftragter oder Ihre Kanzlei dazu sagt. Ich bin Entwicklerin, keine Juristin, und bewerte das nicht. Aber ich erlebe, dass diese Frage Projekte entscheidet, bevor jemand eine Preisliste öffnet: Wer Gesundheitsdaten, Personalakten oder Konstruktionsdaten verarbeitet, landet oft bei einem europäischen Anbieter, bevor die Rechnung überhaupt aufgemacht wird. Dann stehen nicht Hetzner und AWS zur Wahl, sondern ein dedizierter Server, ein europäischer virtueller Server oder eine der europäischen Cloud-Plattformen, und die Rechnung oben gilt mit anderen Zahlen, aber derselben Struktur.
Wann die Cloud trotzdem richtig ist
Ich betreibe meinen eigenen Server, und ich rate Kunden regelmäßig zur Cloud. Das ist kein Widerspruch. Es gibt klare Fälle, in denen die Rechnung oben nicht gilt:
Stark schwankende Last
Ein Portal, das an drei Tagen im Monat das Zwanzigfache der normalen Nutzer hat, etwa zum Abrechnungsstichtag oder zu einer Kampagne, braucht auf dem eigenen Server die Ausstattung für den Spitzentag, und die steht an 27 Tagen herum. In der Cloud mietet man die Spitze für drei Tage, wenn die Anwendung dafür gebaut ist. Eine Anwendung, die nur auf einer Maschine laufen kann, wird nicht dadurch skalierbar, dass diese Maschine bei AWS steht. Je größer das Verhältnis zwischen Spitze und Normal und je besser die Anwendung das mitmacht, desto klarer gewinnt die Cloud.
Dienste, die man nicht selbst betreiben will
Eine verwaltete PostgreSQL-Datenbank mit automatischem Failover, Objektspeicher, der über mehrere Ausfallzonen repliziert wird, eine Warteschlange, die Millionen Nachrichten am Tag trägt, ein Suchindex, der sich selbst skaliert. Das kann man alles selbst betreiben, und ich tue einiges davon. Aber jeder dieser Dienste kostet Pflegezeit, und je mehr zustandsbehaftete oder betrieblich aufwendige Dienste eine Anwendung braucht, desto stärker kippt die Rechnung Richtung verwalteter Dienste. Eine einzige verwaltete Datenbank mit Failover kann dabei mehr wert sein als fünf kleine Dienste, die man nebenbei betreibt. Das ist auch der Fall, in dem die Pflegezeile der Tabelle oben wirklich sinkt.
Niemand, der den Server pflegt
Das ist der häufigste und ehrlichste Grund. Die drei bis sechs Stunden im Monat klingen nach wenig, aber sie müssen von jemandem kommen, der weiß, was er tut, und der auch an einem Sonntag reagiert, wenn die Platte stirbt. Wenn es diese Person nicht gibt, weder im Haus noch als externe Wartung, dann ist der eigene Server kein günstiger Server, sondern ein ungepflegter. Und ein ungepflegter Server im Internet ist nach einem Jahr eine Gefahr für alle, deren Daten darauf liegen. In diesem Fall ist die teurere Variante die verantwortungsvolle Wahl, aber Vorsicht: nicht die nackte Cloud-Maschine, die genauso ungepflegt wäre, sondern verwaltete Dienste oder eine Plattform, bei der der Anbieter Betriebssystem, Updates und Backups übernimmt. Das kostet mehr Miete als die Tabelle oben zeigt und spart die Person, die es sonst nicht gäbe.
Compliance-Anforderungen, die ein einzelnes Rechenzentrum ausschließen
Manche Zertifizierungen und manche Kunden verlangen Georedundanz, dokumentierte Verfügbarkeitszusagen oder bestimmte Nachweise des Betreibers. Das lässt sich mit zwei dedizierten Servern an zwei Standorten nachbauen. Es ist nur mehr Aufwand, als die meisten kleinen Betriebe leisten wollen.
Der Mittelweg, den die Debatte übersieht
Die Diskussion wird meist als Entweder-oder geführt: Hetzner-Server oder AWS. Dabei liegt zwischen beiden ein breiter Mittelweg, der für viele Geschäftsanwendungen das Beste aus beiden ist: virtuelle Server bei europäischen Anbietern, mit festen Monatspreisen, inklusivem Datenverkehr im Terabyte-Bereich und der Möglichkeit, in Minuten eine größere Maschine zu nehmen. Die Preise sind auch dort 2026 gestiegen. Eine Maschine mit vier vCPUs und 16 Gigabyte kostet bei Hetzner seit Juni je nach Klasse zwischen rund 16 Euro mit geteilten Kernen und rund 86 Euro mit dedizierten Kernen. Dieser Abstand war früher viel kleiner: Die Juni-Erhöhung hat die Klassen mit fest zugeteilten Kernen auf das Zwei- bis Dreifache verteuert, die geteilten nur um gut ein Drittel. Das ist noch immer weniger als bei den großen Anbietern, wobei eine vCPU nicht gleich einer vCPU ist und geteilte Kerne unter Dauerlast spürbar weniger leisten. Man verzichtet auf den Katalog verwalteter Dienste, bekommt aber feste Kosten, einen europäischen Vertragspartner und keine Überraschung bei der Rechnung.
Für die meisten Anwendungen, die ich baue, ist das die Empfehlung: ein oder zwei virtuelle Server bei einem europäischen Anbieter, Datenbank und Anwendung getrennt, Backup auf einen dritten Ort, Monitoring wie beschrieben. Das kostet an Infrastruktur grob 50 bis 200 Euro im Monat und an Pflege dasselbe wie der dedizierte Server, weil die Arbeit auf der Betriebssystemebene gleich bleibt. Der dedizierte Server lohnt sich erst, wenn man viel Speicher oder viel Rechenleistung dauerhaft braucht, so wie ich mit mehreren Terabyte an Dokumenten und Diensten, die ohnehin rund um die Uhr laufen.
Wie Sie entscheiden
Wenn Sie vor der Frage stehen, hilft eine Reihenfolge von vier Fragen mehr als jeder Preisvergleich. Die Frage nach dem Rechtsraum steht davor, sie sortiert die Anbieter, bevor die vier Fragen den Betrieb sortieren:
- Wer pflegt den Server? Wenn die Antwort „niemand" oder „der Azubi nebenbei" ist, ist die Frage beantwortet: verwaltete Dienste oder ein Wartungsvertrag, der die Pflege einschließt. Was ein solcher Vertrag kostet und enthalten muss, steht im Beitrag über Wartungskosten.
- Wie schwankt die Last? Gleichmäßig: eigener Server oder virtuelle Maschine. Stark schwankend mit kurzen Spitzen und einer Anwendung, die das mitmacht: Cloud.
- Welche verwalteten Dienste brauchen Sie wirklich? Nicht zählen, sondern wiegen. Je mehr zustandsbehaftete oder betrieblich aufwendige Dienste, Datenbank mit Failover, replizierter Speicher, Warteschlangen, desto stärker kippt die Rechnung Richtung Cloud. Ein Webserver und eine Datenbank auf einer Maschine kippen sie nicht.
- Was kostet der Stillstand? Ausfallkosten pro Stunde mal realistische Wiederherstellungszeit, dazu die Frage, wie viele Stunden Daten Sie verlieren dürfen und was Ihre Verträge an Verfügbarkeit zusagen. Vergleichen Sie diese Summe mit den Mehrkosten für Redundanz. Liegt sie deutlich darunter, reicht ein Server mit gutem Backup. Liegt sie darüber, brauchen Sie Redundanz, und die ist in der Cloud leichter zu bauen.
Häufige Fragen
Was kostet ein eigener Server für eine Webanwendung im Monat?
Ist die Cloud immer teurer als ein eigener Server?
Wie viel Arbeit macht ein eigener Server wirklich?
Checkliste: Bevor Sie sich entscheiden
- Rechtsraum klären: Welche Daten liegen dort, und was sagen Datenschutzbeauftragter oder Kanzlei zu US-Anbietern?
- Beide Seiten der Rechnung aufschreiben: Miete und Arbeitszeit, für drei Jahre, mit aktuellen Listenpreisen.
- Die Person benennen, die den Server pflegt, mit Vertretung. Gibt es sie nicht, gibt es den Server nicht.
- Lastprofil ansehen: Wie weit liegt der stärkste Tag über dem Durchschnitt, und kann die Anwendung überhaupt mitwachsen?
- Verwaltete Dienste wiegen, die Sie wirklich brauchen, nicht die, die der Anbieter anbietet.
- Ausfallkosten pro Stunde, tragbaren Datenverlust und vertragliche Zusagen beziffern und daraus ableiten, ob Redundanz nötig ist.
- Bei Cloud: Kostenalarm einrichten, bevor die erste Rechnung kommt, und Datenverkehr nach außen separat prüfen.
- Bei eigenem Server: Backup an einen zweiten Ort und Restore-Test im Kalender, bevor der Server produktiv geht.
Fazit
Der eigene Server ist für gleichmäßige Geschäftsanwendungen mit viel Speicher die günstigste Variante, aber nicht um den Faktor, den die bekannten Rechnungen behaupten. Die Infrastruktur ist der kleine Posten. Der große ist die Pflege, und sie ist bei Server und selbst verwalteter Cloud-Maschine dieselbe. Deshalb heißt die Wahl nicht Blech gegen Cloud, sondern Selbstbetrieb gegen verwalteten Betrieb. Die Entscheidung fällt nicht an der Preisliste, sondern am Rechtsraum und an vier Fragen: Wer pflegt, wie schwankt die Last, welche Dienste brauchen Sie, und was kostet der Stillstand. Meine Antworten darauf führen zu einem gemieteten dedizierten Server. Ihre können anders ausfallen, und das ist dann genauso richtig.
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